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Das folgende Kapitel
ist ein Vorabdruck aus meinem neuen Buchprojekt
zum Thema Technokratie und Desinformation:


Entscheidungsfreiheit und Dezisionismus


Es sollte anerkannt werden, dass das Streben nach Erkenntnis und Sachkompetenz eine Vorstufe (Vorarbeit) der Entscheidungskompetenz bildet.
Umgekehrt sollte erkannt werden, dass Entscheidungen ohne Wissens- und Informations-Kompetenz eine Anmaßung sind.


Bei Entscheidungen bleibt immer ein Rest von fehlendem sicheren Wissen, also von Risiko.
Daraus könnte man folgern, dass "jede Entscheidung .. ein Fehler" ist [Ottmann 2010].

Sich trotzdem zu Entscheidungen durchringen zu können, ist sicher eine positive Eigenschaft.


Hingegen verfügen Entscheidungsträger auch über das Leben Anderer und haben daher eine Verpflichtung, ihre Entscheidungen be'wusst' und wohlüberlegt in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit Anderer zu treffen.

Leider wird nicht erst seit Machiavelli dem Gelingen und der Macht die Moral geopfert, schon immer haben sich auch gewöhnliche Menschen in alltäglichen Dingen Unfehlbarkeit und Allmacht angemaßt.


Unter 'Dezisionismus' wird ein politisches und philosophisches Konzept verstanden, das vor allem wegen seiner Auswirkungen auf normative Prozesse und das Recht von ziemlich schwerwiegender Bedeutung ist.


Dezisionismus hat in gewissen Kreisen Liebhaber, weil er dem normativen Denken entgegengesetzt ist, denn nicht jede Entscheidung kann der Konvention oder starren Grundsätzen untergeordnet werden.

Andererseits wird der politische Dezisionismus mit Hilfe diktatorischer Entscheidungen selber Rechtsnormen schaffen. [Universal-Lexikon 2012]


Ein praktischer Dezisionismus hat seine Berechtigung, um nicht Entscheidungen Anderen, den Unkompetenten oder dem Schicksal zu überlassen.

Andererseits haftet ihm der Makel von Demokratiedefiziten an.

In Ottmann 2010 wird er einem Weltbild des Idealismus und der Konventionen gegenübergestellt: Dezisionismus sei "ein Kind der Neuzeit", da in dieser "Tradition und Gemeinsamkeit" aufgegeben wurden [Ottmann 2010].
Doch Henning Ottmann sieht im Dezisionismus mit Recht auch den Lustgewinn (Stolz) und damit das Sündhafte.


Rechtphilosophisch wären Entscheidungen immer normativ, selbst wenn sie gegen das Naturrecht und die Gesetze verstoßen (- womit hier insbesondere die Rechtswirksamkeit der freien Entscheidung gemeint ist). In der Wikipedia wird darauf hingewiesen, dass auch gültige Rechtsnormen 'de facto' auf dezisionistischen Entscheidungen beruhen.

Das Konzept des Dezisionismus soll gerade den Gegensatz zum Naturrechtsdenken hervorheben. Und in der sich im 20. Jh. durchsetzenden politischen Soziologie sollte die Technokratie der Experten einem institutionellen Dezisionismus untergeordnet werden.

Damit gehört dieses Konzept "zu denjenigen geistigen Strömungen, die dem Nationalsozialismus ideologisch den Weg bereiteten". [Werner 2006]


Die verbindliche Macht institutioneller Entscheidung wird auf mittelalterliche religiöse Dogmen zurückgeführt.

Aber sind reale Personen nicht für falsche Entscheidungen verantwortlich zu machen - zumal, wenn diese aus reiner Willkür erfolgten?

Bei völliger Entscheidungsfreiheit wird man sich, auch wenn man eine normative Funktion ausübt, für die bequemste, einträglichste, strategisch günstigste Variante entscheiden oder sich seinen Steckenpferden zuwenden.


Ich sehe im Dezisionismus eine ausgesprochen unheilvolle Theorie, denn ihre Anhänger halten "weniger den Inhalt und die Begründung einer Entscheidung für wichtig als die Entscheidung an sich" [Wikipedia-Artikel "Dezisionismus", Stand: 11. August 2015].


Es ist ein großer Unterschied, ob Entscheidungen und Normen auf den Beschlüssen von Einzelnen oder von Mehrheiten beruhen, genauer: auf Einzelinteressen oder dem Allgemeininteresse!

Der Dezisionismus hat sicher gerade unter denjenigen die meisten Anhänger, die den Wert von Wissen und Information negieren.

Ein offenbar allgemein akzeptiertes und auf Habermas zurückgeführtes "dezisionistischen Modell" beinhaltet, dass der Wissenschaftler oder der Wissende die Entscheidungen doch lieber dem Politiker überlassen solle und seine eigenen Erkenntnisse nur zur Disposition stellen dürfe. [Ludwig-Mayerhofer 2003; vgl. auch Moulines 2010]



Literaturangaben:

W. Ludwig-Mayerhofer, ILMES (= "Internet-Lexikon der Methoden der empirischen Sozialforschung"): Artikel "Dezisionismus", Stand 11. Mai 2003.
Micha H. Werner: Dezisionismus (2006) [-> http://www.micha-h-werner.de/dezisionismus.htm ].
Henning Ottmann: Dezisionistische Modelle der Politik (in: Horst Dreier/ Dietmar Willomeit (Hg.): Wissenschaft und Politik. Stuttgart, 2010.)
C. Ulises Moulines: Naturwissenschaften als politikfreie Forschung? (in: Horst Dreier/ Dietmar Willomeit (Hg.): Wissenschaft und Politik. Stuttgart, 2010.)
Universal-Lexikon: Artikel "Dezisionismus", 2012 [-> http://universal_lexikon.deacademic.com].
Wikipedia-Artikel "Dezisionismus", Stand: 11. August 2015.



©  Stephan Theodor Hahn, Bad Breisig, am 16.12.2015






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