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Aus der Welt des Totalitarismus







Das Phantom der Weltherrschaft


Dem ideologischen Ganzen liegt unter anderem der auch in der Tagespresse wieder an Einfluss gewinnende Glaube an globale Strategien zugrunde, die von verschiedenen Mächten verfolgt werden könnten.
Der Kontakt mit derartigen Machtsphären dürfte aber für gewöhnliche Menschen, die außerhalb des Jetsets von Politik und Wirtschaft leben, von geringem Interesse sein.

Und wenn man sich in jeder Nachrichtensendung über alle möglichen geostrategischen Eventualitäten auslässt, sollte man im Auge behalten, dass der vielleicht engste Vetraute Hitlers, Rudolf Heß, "Student der Geopolitik" war [Hofer 1957, Teil I].

Geopolitische Strategien sind vor allem Sandkastenspiele, da sie in einem imaginären Raum stattfinden. Von den Medien-Simpeln werden sie gerne mit einem Schachspiel verglichen, in dem es nur einen Gewinner und einen Verlierer gibt.
In der Realität wären defensive Strategien und Bündnisse gegen mehrere Gegner erfolgversprechender.


Wieder und wieder wurden in den politischen Feuilletons die geo- und militärstrategischen Modelle aus alten militärhistorischen Wälzern von der Weltherrschaft durch Seemächte und Landmächte hervorgekramt.

Ian Morris führte die deutsche Politik seit Bismarck auf den Versuch zurück, sich gegenüber den Kräften des eurasischen Großraumes und denen der Seemächte zu behaupten - durch Präventivkriege oder durch ein geeintes Europa unter deutscher Führung [Morris 2013, Kap.5].
Konkret richtete sich dieses geostrategische Ansinnen gegen England und Russland, während die übrigen Länder Europas nur als Lokalmächte und Vasallen angesehen wurden.


Übertragen auf reale Bedingungen könnte man tatsächlich Landmächte als politische oder ökonomische Entitäten definieren, die die Ressourcen kontrollieren, und Seemächte als solche, die den Handel kontrollieren.

Putin und mit ihm vielleicht auch die Weltmeinung machten Europa zum Vorwurf, dass es “übermäßig stark von russischen fossilen Brennstoffen abhängig” sei [Soros 2022].
Hinzu kam die Verlagerung der industriellen Produktivität nach China.

Diese wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands von Russland und China, somit seine Auslieferung an das asiatische Kernland, wurde der Politik Angela Merkels angelastet: “Deutschland erhielt so die leistungsstärkste Volkswirtschaft in Europa, aber muss nun einen hohen Preis dafür zahlen.” [Soros 2022]

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Russland dank seiner Rohstoffe innerhalb weniger Jahre wieder reich und mächtig geworden.



Das legendäre ‘Eurasische Kernland’


Speziell zur Rechtfertigung der angeblichen Weltstellung Russlands wurde von der politischen Expertise vor mehr als hundert Jahren der Mythos vom ‘eurasischen Kernland’ erfunden.
Die Tatsache ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass dieser Raum das Aufmarschgebiet einer unaufhörlichen Folge von kriegerischen, quasi imperialistischen und den Westen bedrohenden Völkerschaften war.

Die Schwäche der 'Kernland'-Phantasie ist, dass die Randgebiete nicht nur viel größere Wohlstandpotentiale aus dem Seehandel ziehen können, sondern auch aus ihrer ökologischen Ausstattung.
Die Antwort des 'Kernlandes' auf diesen Mangel könnten allerdings Repression nach innen und Krieg nach außen bedeuten.

Die Weiten Eurasiens, also des Raumes südlich des Urals bis zu den Gebirgen Zentralasiens, scheinen zu dem psychopathischen Komplex zu verleiten, dass sie nur durch maximale militärische Aufrüstung zu verteidigen seien, obwohl sie doch eigentlich überhaupt niemand erobern will ...


Halford Mackinder, Leiter der 'School of Economics', machte seine Theorie vom eurasischen “Kernland” 1904 publik, von welchem aus die Zivilisationen der gemäßigten Zone kontrollieren werden konnten [Morris 2013, Kap.5].
Außerhalb des Machtbereichs dieses "Kernlandes" blieben die vom Meer geschützten Räume, also neben Großbritannien und Japan auch die beiden Amerikas.

Von noch größerer geistiger Verwirrung zeugt die Theorie von Sir Halford Mackinder, dass diese Weiten Eurasiens sogar den Erdkreis beherrschen könnten.

Diese Idee hätte jedoch zur Voraussetzung, dass dieses Eurasien die kontinentalen Massen der Alten Welt von einem Ende bis zum anderen Ende kontrollieren müsste ...
Was für eine geniale Idee, dass sich Liechtensteiner und Nordkoreaner zusammentun, um die Weltherrschaft anzutreten!


Das russische Kernland ist eigentlich eine Peripherie mit wenigen Ressourcen.
Während die vorübergehende Hauptstadt Petersburg dank des Ostseehandels prosperierte, hatten sich die Moskowiter angewöhnt, sämtliche Ressourcen des Südens in ihre Metropolis zu ziehen. Auch wurde die Gewinnung der Bodenschätze halbpolarer Regionen mit Hilfe von Zwangsarbeit zur Spezialität Moskaus.

Die eigentlichen Kernländer Eurasiens im Sinne Halford Mackinders bzw. der Mongolen-Khans befinden sich jedoch außerhalb des Siedlungsbereichs der Russen. Es handelt sich um auf Grund ihrer ökologischen Ausstattung, die aber durch russische Fremdherrschaft stark heruntergewirtschaftet wurde, traditionell relativ reiche Regionen:
1. die Expansionsgebiete Russlands an der unteren Wolga, im Kaukasus-Vorland und in Sibirien;
2. die europäischen Steppen und Tiefländer der Ukraine, Rumäniens, Bulgariens, Serbiens und Ungarns;
3. sie asiatischen Flussoasen von Chiwa, Buchara, Samarkand, Taschkent, sowie des Tarim-Beckens.


Das Russische Reich vor dem Ersten Weltkrieg und die UdSSR deckten sich praktisch mit Mackinders 'Kernland' und die UdSSR reagierte tatsächlich empfindlich auf alle Anstrengungen der USA, nicht nur das riesige ozeanische “Randgebiet” zu kontrollieren, sondern auch die europäischen und asiatischen “Grenzräume” des 'Kernlandes'.


Aber man will uns doch nicht wirklich weismachen, es gehe tatsächlich um die Herrschaft über Eurasien? Putin scheint aber gefürchtet zu haben, Westeuropa wolle sie ihm streitig machen!
Vielleicht wäre Westeuropa aber dazu tatsächlich eher in der Lage als das weit im Osten florierende, aber von menschenleeren Hochländern und Wüsten umgürtete China ...

Und ebenso wie Donald Trump das westliche Ende der eurasischen Landmasse bereits aufgegeben hat, dürfte auch die Kontrolle des östlichen Endes durch Washington Geschichte sein.


Noch weniger wird aber Russland Westeuropa oder China mit ihrem Zugang zu den Meeren kontrollieren können. Damit wäre Mackinders Theorie bereits wiederlegt.

Aber im 19.Jh. waren es offenbar die westeuropäischen Kolonialmächte, die China wirtschaftlich zu kontrollieren vermochten. Und im selben Jahrhundert erreichte sogar Russland eine weitgehende Kontrolle des westlichen Endes der eurasischen Landmasse, indem es sich Finnland, Polen und das Baltikum einverleibte.


Unter der zuvor aufgestellten Prämisse, dass Seemächte nur den Handel, Landmächte aber die Ressourcen kontrollieren, wären Seemächte abhängig von den Landmächten.

Die USA verfügen aber selbst über riesige Ressourcen und haben darüber hinaus auch im Seehandel eine führende Stellung.
Da das kontinentale Eurasien zwar über viele Ressourcen verfügt, aber wirtschaftlich sehr schwach ist, könnten einfach auch die beiden Amerikas seine Rolle als 'Kernland' übernehmen. Warum sollte die Alte und nicht die Neue Welt das Kernland sein?

Oder, warum muss es denn nur ein Kernland geben und darüber hinaus eines, das die ganze Welt beherrscht? Warum sollte nicht auch das westliche Europa ein Kernland sein?

Auch spielte einstmals der Vordere Orient mit seinem Zentrum Bagdad die Rolle des Kernlandes der Alten Welt.


Als Anwärter auf die Weltherrschaft durch Kontrolle Eurasiens dürfen auch die universalistischen Mächte der Religion nicht vergessen werden. Hier gibt es eine deutliche Verschiebung der Anwartschaft von Moskau weit in den Süden, nämlich nach Konstantinopel, Jerusalem oder Mekka.

Moskau wollte sich zwar bekanntlich seit jeher Konstaninopels bemächtigen, Mekka hat aber wahrscheinlich größere Chancen, die Welt zu beherrschen als Moskau oder Jerusalem. Das liegt vor allem daran, dass es wohl noch größere Erdöl-Ressourcen kontrolliert als Moskau und ebenso expansionistisch agierte.




--> Fortsetzung des Textes: Duell mit Moskau --->




©  Stephan Theodor Hahn, Bad Breisig, am 29.10.2026