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Aus der Welt des Totalitarismus







Das Phantom der Weltherrschaft



Das Potential der Seeherrschaft


Wer die Handelswege kontrolliert, hat die Macht; wer die Seewege kontrolliert, erringt folglich die Weltherrschaft.

Deshalb gibt es angeblich eine Rückbesinnung der USA auf maritime Strategien nach Vorbild des britischen Weltreichs.

Nach Alfred Thayer Mahan "Theorie der Seemacht (1890)" entscheidet die Kontrolle der Seewege über die hierarchische Pyramide nationaler Mächte. Totale Akkumulation wird potenziert durch Handels- und Kriegsschiffe, überseeische Stützpunkte und Kolonien.
[Schäfer 2025]


Die frühneuzeitliche europäische Seeherrschaft und die wenigen tausend europäischen Händler in einigen Küstenstädten konnten von den asiatischen Landmächten zunächst getrost ignoriert werden [Morris 2013, Kap.4].

Der Welthandel war anfangs sogar so klein, dass er eigentlich nur für ein einziges Unternehmen oder eine einzige Seemacht ausreichend lukrativ war. Die konkurrierenden Unternehmen der Niederländischen und der Britischen Ostindienkompanie finanzierten mit ihrem Geschäft auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittene Kolonialkriege, während die staatliche portugiesische Kolonialpolitik zu militärischen und ökonomischen Defiziten führte. [Morris 2013, Kap.4]

Doch mit der Zeit konnten die europäischen Seemächte mit Steuereinnahmen aus Übersee Kriege und ihre militärische Weiterentwicklung in Europa finanzieren. Um 1900 hatten die Europäer dank ihrer überlegenen Waffen 84 % der Erdoberfläche kolonisiert.
Die Briten dominierten durch ihr Finanzinstrumentarium auch die übrigen Länder; sie konnten mit insgesamt 20 Mio. Emigranten den Erdkreis sogar demografisch infiltrieren. Ihre militärische Schlagkraft wurde darüber hinaus durch die Demografie der Krondomäne Indien und um deren Truppenkontingent verstärkt.
[Morris 2013, Kap.4]


Die globale Reaktion auf den Börsenkollaps an der Wallstreet von Ende Oktober 1929 war, dass alle Länder sich gegen Außenhandel und finanzielle Transaktionen abschotteten [Morris 2013, Kap.5].
Großbritannien vergab keine Kredite mehr, nachdem es zuvor als wichtigste Handelsmacht auch wichtigster Kreditgeber war, und konnte auch seine Funktion als Weltpolizist nicht mehr erfüllen. Wegen drastisch gekürzter Verteidigungsausgaben waren seine Kolonialgebiete praktisch nicht mehr zu halten.
Die Folge waren Diktaturen, unter denen sich die in Japan am direktesten gegen das Empire richtete.

Nach seinem Sieg im Zweiten Weltkrieg hat Großbritannien den endgültigen Verlust der Weltherrschaft durch die klar zutage getretene wirtschaftliche und militärische Überlegenheit der USA schmerzlich zu spüren bekommen. Es musste sich statt aus seinen Kolonien nun auf Kredit von der USA versorgen lassen, obwohl es ohnehin schon hochverschuldet und durch die Kriegswirtschaft fast ruiniert war. [Morris 2013, Kap.5]


Die Weltherrschaft wurde nach Mahan "in großen, offenen Seeschlachten" errungen [Schäfer 2025].
Seit dem 2. Weltkrieg sollte zwar zunehmend der Autoverkehr über die Weltherrschaft entscheiden. Aktuelle kriegerische Handlungen belegen jedoch den Fortbestand der strategischen Relevanz von Seewegen gerade zur Belieferung der Auto- und anderen mobilen Technologien.
Und inzwischen gehen fast neun Zehntel des Handels über den Schiffsverkehr! Dessen größte Profiteure sind die asiatischen Anrainer des Pazifischen Ozeans geworden.



Europa als Alternative


In der EU gibt es nationalistische Kräfte, die einer europäischen Kooperation im Wege stehen, nämlich im Sinne von John Lukacs, der behauptete, ein vereinigtes Europa gehöre in die Welt von Ideen, die praktisch nicht durchführbar seien.
Sie sei nur durch Eroberung und eine mit Gewalt erreichte "Konformität" wie unter Hitler möglich, der den Europa-Gedanken durch sein 'Großgermanisches Reich' ersetzte. Ein para-panslawistisches "Konformitäts"-Modell war der 'Warschauer Pakt'.
Doch musste John Lukacs einräumen, dass gerade christliche Widerstandsgruppen "für die Nachkriegszeit ein vereinigtes oder föderiertes Europa" gefordert hätten. [Lukacs 1980, II-6]

Im Gegensatz zur Vorstellungswelt des Nationalismus wäre ein europäisches Modell vor allem interessant, weil es sich nicht um einen autokratischen Zentralstaat handelt.

Für tragisch hielt Lukacs "die Abdankung der Engländer nach dem Krieg, als sie sich fast mühelos zu Führern eines vereinigten Westeuropa hätten aufschwingen können".
Ursache dafür seien Phantasielosigkeit und der "insulare Stolz" gewesen, außerdem ihre seit 1897 verfolgte Politik einer gezielten engen Anbindung an die USA. [Lukacs 1980, II-6 - Amerikanisierung]


Nach Zerschlagung eines Herrschaftssystems irrationaler Gewalt wurden Europa und Deutschland zu einer "Nachkriegslandschaft" [Rinke/ Schwägerl 2015].

Die oppositionelle Ablehnung der NATO in Deutschland lässt sich außer durch die Hoffnungen, die mit den von der Sowjetunion ausgehenden Impulsen verknüpft wurden, auch durch das fragwürdige Vorgehen der USA in Ost- und Südostasien erklären.

Wohl wegen dieses Vorgehens hat das us-amerikanische Gesellschaftsmodell im Osten Asiens bestenfalls "ein Patt" erreicht, in Europa aber sogar das "Sowjetreich" überwunden, den Gegenpol des Kalten Krieges mit seinen Vasallen im 'Warschauer Pakt' [Eco in: La Republica, Mai 2003].
Dabei haben die zweifache Wahl Donald Trumps und auch das dort fortbestehende Waffenrecht gezeigt, dass sich dieses Gesellschaftsmodell eigentlich grundlegend von dem heutigen westeuropäischen unterscheidet.


Aber auch in Europa machten sich seltsame politische Ideen breit, so dass Politiker ausländischer Staaten beispielsweise ihren potentiellen Wählern versprechen mussten, es nicht so zu treiben, wie es Berlusconi gerade in Italien trieb ... [Eco in: L'Espresso, Mai 2002].
Berlusconi fand es aber wenigstens charmant, imperiale Ziele nur innerhalb der eigenen Landesgrenzen zu verfolgen.


Das Nachkriegs-Europa hat eigentlich immer gehofft, sich mit Russland verbünden zu können, zuletzt in den glücklichen Jahren der Regierungen von Schröder und Merkel. Die Interessen der transatlantisch taktierenden 'White Anglosaxon Protestants' vermochten es, dem entgegenzusteuern, indem sie ein europäisch-angelsächsisches Wirtschafts- und Bündnissystem förderten.

Es war abzusehen, dass das globale militärische Engagement der USA auf Dauer recht teuer für diese werden könnte, wenn es auch mit Schulden finanziert wurde.
Daher wäre die Trump'sche Kehrtwende, sich einfach mit Russland gegen Europa zu verbünden, ein geschickter Schachzug gewesen, wenn nicht Vieles in einem so langjährigen Bündnis von bleibendem Wert gewesen wäre.

Es gab von Seiten Europas auch keine einseitige Hinneigung nach Moskau, sondern eher die Beanspruchung eines neutralen Standpunktes.
Seitdem ein degeneriertes moskowitisches Regime in diesem neutralen Standpunkt nur Wokeness, LGBT und damit ein militärisches Ziel und eine leichte Beute zu sehen bereit war, konnte sich Europa jenem gegenüber eine Neutralität nicht mehr leisten.


Es ist schon länger befürchtet worden, dass Putin nicht nur für Dritte Welt - Länder, sondern auch für Donald Trump ein geeigneter Geschäftspartner wäre, und die EU und der europäische Teil der NATO dabei nur stören würden [Zürn 2022].
Wenn das angeblich so schwache Europa in einen Konflikt mit Trumps schwer bewaffneten Freund Putin gerate, solle es auch selbst "die Rechnung" zahlen.
Aus welchen Gründen auch immer, auf jeden Fall suggerierte M. Zürn, dass dies auch das 'mindset' gewesen sein muss, das den strategischen Angriffsplan der Russen entstehen ließ.


Der unverhohlene Imperialismus als freies Kräftespiel der Mächte auf Kosten der Völker und einer ihm allzukleinlich erscheinenden öffentlichen Meinung ist also keineswegs tot, und die russischen und US-amerikanischen Oligarchen sehen sich nach wie vor als dessen legitime Vorkämpfer.


Adrian Geiges vergleicht die Politik Trumps mit dem Hitler - Stalin - Pakt als Voraussetzung des 2. Weltkrieges [Geiges 2024].
Mit Steve Bannon strebte Trump den Zusammenbruch des bisherigen offenen politischen Systems an.
Ähnlich wie in der Rabulistik Stalins und Maos vermisst man bei den beiden MAGAs zwar Sinn und Zweck dieser Rabulistik, doch es geht wohl um das Austarieren der propagandistischen Thematik, die im Kampf gegen die Demokratie entscheidet.
Trump will als einer in die Geschichte eingehen, der Europa gefügig gemacht hat.

Auch im Zweiten Weltkrieg gab es geistesschwache US-Politiker wie den Senator von Ohio Robert A. Taft, Sohn des vorherigen republikanischen Präsidenten, die Kommunismus für eine größere Bedrohung ansahen als den Hitler-Staat und deshalb kein Bündnis mit den Europäern gegen diesen eingehen wollten [Lukacs 1980, II-3].

Andererseits will Präsident Trump offenbar die russisch-amerikanische Waffenbrüderschaft des Zweiten Weltkrieges wiederbeleben - nun allerdings mit dem totalitären Kriegsherren Putin gegen die regelbasiert-demokratischen Umtriebe in den Ländern Europas und der EU.




Quellen:

# Walther Hofer (Hg.): Der Nationalsozialismus - Dokumente 1933 - 1945. Frankfurt/M., 1957 (20. Nachdruck, 1971). - I. Adolf Hitler, seine Ideologie und seine Bewegung

# John Lukacs: Der letzte europäische Krieg 1939 - 1941. München, 1980 (Taschenbuch).
Originalausgabe "The last European War", New York, 1976. Deutsche Ausgabe "Die Entmachtung Europas", Stuttgart, 1978, vom Autor überarbeitet und gekürzt.
II. Die Hauptbewegungen
3. Die politischen Veränderungen
6. Die Übereinstimmung von Denken und Glauben

# Umberto Eco: Im Krebsgang voran - Heiße Kriege und medialer Populismus. München, 2007. ["A Passo di gambero", Mailand, 2006; gekürzt].
- Gegen den Strom rudern [L'Espresso, Mai 2002]
- Perspektiven für Europa [La Republica, Mai 2003]

# Ian Morris: Krieg - Wozu er gut ist. Frankfurt/ New York, 2013.
- Kap.4: Der Fünfhundertjährige Krieg - Europa erobert (beinahe) die Welt, 1415 bis 1914
- Kap.5: Stahlgewitter - Der Krieg in Europa, 1914 bis in die 1980er Jahre
- Kap.7: Die letzte Hoffnung für die Welt

# Andreas Rinke/ Christian Schwägerl: 11 drohende Kriege; aktualisierte Taschenbuchausgabe. München, 2015 (Orig.ausg. 2012).

# Arne C. Seifert: Wie sich die USA nun in ihr vermutlich größtes Abenteuer begeben. Telepolis, am 23.2.2022.

# Michael Zürn: Man stelle sich vor, Trump wäre noch Präsident... DER SPIEGEL online, am 12.3.2022.

# Alfred McCoy: The Geopolitics of the Ukraine War - Vladimir Putin and Xi Jinping in the Struggle over Eurasia. TomDispatch, am 10.3.2022 .

# Ayad Al-Ani, Stellenbosch: Auf den Krieg in Europa folgt ein geopolitisches Triell. zenith , am 14.3.2022.

# George Soros: Der Kampf unseres Lebens. Project Syndicate, am 24.5.2022 .

# Fernseh-Doku "Poker um eine neue Weltordnung - Die neue Seidenstraße" (Orig. "Poker chinois"). arte Deutschl., am 19. Juli 2022.

# Sergej Karaganov: Eine schwere, aber unerlässliche Entscheidung (in: osteuropa. 73. Jahrgang [2023]/ Heft 3-4: “Russlands verlorene Kriege”)

# Adrian Geiges: Front gegen die Freiheit - Peking, Moskau und ihre Komplizen in aller Welt. Piper Verlag, München, 2024.

# Luca Schäfer: Seemacht schlägt Landmacht - die zeitlose Formel des Alfred Mahan. Telepolis, am 27.12.2025.




©  Stephan Theodor Hahn, Bad Breisig, am 29.10.2026